Geschichte
der Capoeira
Capoeira wurde Anfang des 16. Jahrhunderts von afrikanischen Sklaven in
Brasilien entwickelt. Die unmenschlichen Lebensbedingungen auf den
Plantagen, schlechte Ernährung, unbegrenzte Arbeitszeiten, willkürliche
Strafen und Folter, machten das Leben unerträglich.
Der Widerstand der Sklaven gegen ihre
portugiesischen Unterdrücker wuchs, und da ihnen untersagt war
Kampfsport zu betreiben, tarnten sie ihr Training der Angriffstechniken
durch elegante, tanzähnliche Bewegungen und rhythmische Musik. Die
Capoeira half den Sklaven in ihrer verzweifelten Lage zu überleben, sie
gab ihnen Selbstbewusstsein und war eine wichtige Stütze in dem
erbarmungslosen Sklaven-Alltag. Es kam immer öfter zu Sklavenaufständen
und blutigen Auseinandersetzungen mit den Großgrundbesitzern und
einigen Sklaven gelang es, in den Dschungel zu fliehen. Dort gründeten
sie sogenannte „Quilombos“, von den Sklaven selbstverwaltete
Urwalddörfer, in denen zeitweise bis zu 50.000 Menschen lebten. In den
Quilombos übten sich die nun freien Sklaven im Kampf, um auch waffenlos
gegen die Privatarmeen der Sklavenbesitzer zu bestehen, wenn sie in
Überfällen andere Sklaven befreiten. Seit 1575 entstanden immer mehr
Quilombos an unzugänglichen Orten im Dschungel. Palmares, welches im
Süden Pernambucos etwa 1602 entstand, war wohl der berühmteste Quilombo
mit seinem in Capoeiraliedern oft besungenen Führer Zumbi. Erst durch
tagelangen Kanonenbeschuss mit Hilfe der Holländer gelang es den
Portugiesen, die Dschungelhauptstadt Palmares einzunehmen und die
Verkettung der Dörfer zu sprengen. Die Capoeira überlebte den Fall der
Sklavendörfer und trotzte dem folgenden 400 Jahre währenden Verbot.
Bis 1807 fand Capoeira nur versteckt
im Dschungel statt, danach breitete sich der Kampf auch in den Städten
aus. Als die portugiesische Königsfamilie nach Brasilien auswanderte
begann unter Polizeichef Miguel Nunes Vidigal eine Gewaltwelle über
Quilombos, Candomblês (afro-brasilianische Kulte) und Capoeiristas
einzubrechen. Die Capoeiristas wurden von 1864-1870 gezwungen für den
König in den Krieg zu ziehen und auch nach Ausrufung der Republik hörte
die brutale Verfolgung nicht auf.
Capoeira war somit von Anfang an ein
illegaler Kampf, der auch noch lange Zeit nach Abschaffung der
Sklaverei von der staatlichen Autorität verfolgt (seit 1890
strafrechtlich) wurde. Diese Tatsache, wie auch blutige Straßenkämpfe
und mysteriöse Geschichten krimineller und undurchsichtiger Gestalten,
trugen dazu bei, dass „Capoeira“ in dieser Zeit gleichgesetzt wurde mit
„kriminell“.
Seit 1900 gibt es eine zunehmende
Afrikanisierung der brasilianischen Kultur in Tanz, Musik, Folklore,
Religion und Sprache. Capoeira wurde aber erst seit 1937
stillschweigend geduldet und hat es bis heute auf Grund seiner
Geschichte schwer, sich als nationales, traditionelles Kulturerbe
durchzusetzen.
Mestre Bimba
Vor allem in Bahia überlebte die Capoeira und entwickelte sich neu. Ein
Capoeirista namens Manoel dos Reis Machado befreite sie von ihrem
Dasein am Rande der Gesellschaft und gründete 1932 die erste „Academia“
(Capoeira-Schule). Manoel dos Reis Machado, der unter dem Namen „Mestre
Bimba“ berühmt wurde, verwandelte den brutalen Straßenkampf in einen
Kampfsport und entwickelte spezielle Trainingsmethoden und –abfolgen
(Sequencias de Bimba)
Er erreichte 1936 eine staatliche
Anerkennung seiner Schule und eine Eintragung in das Amt für Kultur,
Gesundheit und Schulwesen.

Mestre dos Mestres
Manoel dos Reis Machado,
Manoel dos Reis Machado,
foi embora e nos deixou.
Deus le ponha em bom lugar
Meister der Meister
Pois e merecedor.
Foi o rei da capoeira,
foi ele que me ensinou.
Ele foi Mestre dos Mestres
Meu Mestre que Deus levou.
Se não joga mais na terra
Pode lá na céu jogar,
com Traíra e Besouro,
Aberrê e Valdemar.
Foi o rei aqui na terra
E hoje é rei em outro lugar,
camaradinha,
Viva meu Mestre!
Auch heute noch dient Capoeira als Lebenstraining, dem Überleben und
Verwirklichen der Person und Kultur gegen Unterdrückung. Juristisch
findet zwar heutzutage eine Gleichstellung der Rassen statt,
Rassenprobleme und eine Vormachtstellung der Weißen lassen sich aber
immer noch nicht leugnen. Capoeira hilft Kindern aus den untersten
Schichten der Gesellschaft. Capoeira wird beispielsweise in den Favelas
(Slums) unterrichtet und nicht selten findet diese Arbeit aus
Idealismus unentgeltlich statt und ist verbunden mit sozialer und
politischer Schulung. Capoeira entwickelte sich auf diese Weise zu
einer der vier wichtigsten Formen expressiver Kultur in Teilen
Brasiliens, neben Capoeira sind dies Candomble (afro-brasilianischer
Kult), Samba und Maculêlê (Stockkampf in tänzerischer Form).
Capoeira heute ist ein Lebensstil,
verbindet Tanz und Kampf, Gewalt und Ästhetik, Spiel und tödlichen
Ernst, Ritual und Spontaneität, Magie und Realitätssinn.